MINT-Bildung für Geflüchtete: Experimentieren hilft beim Verstehen „Die Schüler denken beim Experimentieren nicht an ihre Traumata. Die meisten sind sehr zukunftsorientiert und wollen die Schule von ihrer Vergangenheit trennen.“

Am Schulzentrum Utbremen bereiten zwei Berufsorientierungsklassen in Naturwissenschaften und Informatik geflüchtete Jugendliche auf naturwissenschaftlich-technisch-Berufe vor. Lehrerin Yvonne Matzick ist von der Motivation ihrer Schüler begeistert.

Ihre Schüler stammen aus Syrien, Afghanistan oder afrikanischen Staaten, sprechen verschiedene Sprachen und verfügen über einen höchst unterschiedlichen Bildungsstand – wie gelingt unter diesen Voraussetzungen naturwissenschaftlicher Unterricht?

Yvonne Matzick: Wir unterrichten auf unterschiedlichen Niveaus und lassen die Schülerinnen und Schüler leistungsheterogen arbeiten. Dazu stellen wir die Arbeitsgruppen so zusammen, dass Stärkere und Schwächere voneinander profitieren. Diese erhalten mehr Zeit, den Wortschatz so zu entwickeln, dass sie dem Unterricht folgen können. Gut wird der Unterricht, wenn die Schüler miteinander arbeiten.

Was führt die Jugendlichen in die neuen, zweijährigen Bildungsgänge „Naturwissenschaften“ und „Informationsverarbeitung“ – eher der Zufall oder echtes Interesse an MINT-Bildung?

Einige haben großes Interesse an Naturwissenschaften, wollen beispielsweise Pharmazeutisch-Technische Assistenten werden. Andere sind hier, weil sie gehört haben, dass das eine gute Schule ist. Wir haben einen hohen Praxis- und Technikanteil, das macht insbesondere jungen Männern viel Spaß. Beim Experimentieren lernen sie die Theorie parallel mit und verstehen so viel besser, warum sie etwas tun.

Die geflüchteten Jugendlichen haben zum Teil Traumata erlitten, sind ohne ihre Familien in Deutschland. Können Sie trotz der schwierigen persönlichen Ausgangslage das Interesse der Schüler an Naturwissenschaften wecken?

Die Schüler beschäftigen sich sehr gerne mit Naturwissenschaften, weil sie beim Experimentieren nicht an ihre Traumata denken. Die meisten sind sehr zukunftsorientiert und wollen die Schule von ihrer Vergangenheit trennen. Wir geben den Schülern die Möglichkeit, über ihre Sorgen zu sprechen, das ist aber nur ein Angebot.

Welche Ziele verfolgen sie mit den neuen Bildungsgängen „Naturwissenschaften“ und „Informationsverarbeitung“?

Die beiden Bildungsgänge passen zum Profil unserer Schule. Die Curricula, die wir selbst entwickelt haben, bilden eine Schnittmenge für Jugendliche, die starken inhaltlichen Input brauchen und andere, die eher praktisch orientiert sind. Das Ziel ist eine sprachliche und berufsorientierte Grundbildung in naturwissenschaftlichen Fächern. Außerdem sollen die Schüler lernen, im Team an einer Aufgabe zu arbeiten.

Was sind die Inhalte des naturwissenschaftlichen Unterrichts?

Im ersten Jahr haben die Schüler nur Deutsch, Mathematik, Englisch und Sport. Im zweiten Jahr beginnen wir mit der Einführung in die Laborarbeit. Da haben wir uns anfangs mit Händen und Füßen verständigt. Oder ich habe Gegenstände einfach an die Tafel gemalt. Die erste inhaltliche Einheit dreht sich um den Menschen – Ernährung, Gesundheit, die Sinne. Danach behandeln wir das Thema Mikrobiologie. Dabei geht es um Hygiene und um Krankheiten.  

Ihre geflüchteten Schüler sind Biologielehrerin Yvonne Matzick ans Herz gewachsen.

Mit welchen Methoden und Unterrichtsmaterialien arbeiten Sie?

Ich unterrichte hypothesengeleitet. Das heißt, ich stelle im Vorfeld eine Frage, damit die Schüler die Zusammenhänge besser verstehen. Zum Beispiel: Theo ist krank. Was muss der Arzt wissen, um ihm helfen zu können? Ich lasse die Schüler immer in Gruppen arbeiten. Sie müssen etwas lesen, darüber sprechen und Handlungen untereinander koordinieren. Die Verbrauchsmaterialien kaufen wir zum Teil von der Zuwendung der Siemens Stiftung. Darüber hinaus nutze ich gerne Materialien aus dem Medienportal der Stiftung, weil diese als Word-Dokument zur Verfügung stehen und ich sie mit geringen sprachlichen Anpassungen gut verwenden kann.

Die Siemens Stiftung verfolgt zunehmend den Ansatz, MINT-Bildung und Werte zu verknüpfen. Spielt das in Ihrem Unterricht auch eine Rolle?

Die Sensibilisierung für Werte wie Umweltschutz finden die Jugendlichen sehr spannend. Nehmen Sie das Beispiel Mülltrennung oder Recycling – das kennen sie in dieser Form von zu Hause nicht. Untereinander gingen die Jugendlichen von Anfang an gut und wertschätzend miteinander um. Da musste ich gar nicht vermitteln.

Kann naturwissenschaftlich-technische Bildung nach Ihrer Einschätzung zur Integration von geflüchteten Jugendlichen beitragen?

Die Welt ist so stark durch MINT geprägt, dass ein Grundwissen in diesem Bereich den Jugendlichen die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Beispielsweise erhalten sie Zugang zu technischen Ausbildungsberufen. Dennoch ist es ein weiter Weg für die Schüler, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie geht es mit Ihrem Projekt weiter?

Wir werden im nächsten Schuljahr wieder eine Vorklasse und zwei Berufsorientierungsklassen haben. Außerdem hat Bremen das Programm „Bremer Integrationsqualifizierung“ (BIG) entwickelt. Eine solche BIG-Klasse werden wir auch bekommen.

Und Ihre Schüler – schmieden sie auch schon konkrete Pläne?

Sie sind alle hochmotiviert, den Schulabschluss zu schaffen. Einige haben bereits eine Lehrstelle ergattert. Und einige möchten gerne eines Tage in ihre Heimat zurückkehren, um beim Wiederaufbau zu helfen. Sie sagen sich: Wenn ich zum Beispiel Elektriker bin, kann ich etwas Sinnvolles beitragen.

Warum färbt sich das Teststäbchen gelb? Lehrerin Yvonne Matzick erklärt den Aminopeptidasetest.

© Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu

Im Schülerlabor lernen die geflüchteten Jugendlichen, Bakterien zu unterscheiden. Viele von ihnen streben später eine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung an.

© Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu

Erfolgreich im Team: Schulleiter Tobias Weigelt und seine Kolleginnen haben die Bildungsgänge für die Geflüchteten an ihrer Schule gemeinsam entwickelt.

© Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu

Eine Fachbiologin unterstützt die Schüler mit praktischen Tipps.

© Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu